Geliebtes Nichtstun

 

 

Es begann im Lockdown. Vielleicht haben es aber auch die ersten Vorboten meiner Wechseljahre ausgelöst. Ich erwischte mich dabei, wie ich auf dem Boden saß und ins Nichts starrte.

 

Hallo? Was machst du da?  Los, tu was! Das Badezimmer muss geputzt werden, Matilde braucht Hilfe bei den Hausaufgaben und hast du den Schreibkurs für morgen schon vorbereitet?

 

Mühsam rappelte ich mich auf. Doch mittlerweile finde mich aber immer öfter in diesem Zustand wieder.

 

Eine Studie über die Freizeitbeschäftigung der Deutschen, durchgeführt von der Stiftung für Zukunftsfragen, machte mich hellhörig: Da findet sich „Faulenzen, Chillen, Nichtstun“ (wer kam auf diese Wortkombination?) auf Platz 13. Und „Seinen Gedanken nachhängen“ sogar auf Platz 8. 

 

Immerhin, ich scheine nicht die einzige zu sein. Warum also habe ich dabei ein so schlechtes Gewissen? Wahrscheinlich, weil es diese Zeit eben nur einmal gibt. In der Zeit, in der ich ins Nichts geschaut habe, hätte ich doch können … Außerdem gibt es unzählige Ratgeber, die mir sagen wollen, wie ich meine Zeit am effektivsten nutze. Nichtstun gehört da gewiss nicht dazu. Und überhaupt, „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Das wusste schon meine Großmutter.

Dabei kommt – soviel weiß sogar ich – Müßiggang von Muße. Und als Schriftstellerin bin ich eine ihrer größten Verehrerinnen. Die Muße, die mich küsst, die mir ihre Ideen einflüstert, mich auf Pegasus‘ Flügeln in die Welt der Kreativität entführt … Vielleicht ist es ja genau das: Das Nichtstun als innere Reinigung. Vielleicht muss ich meinen Kopf manchmal ausleeren, wie einen überquellenden Mülleimer, damit die Muße wieder Platz hat, um sich auszubreiten.

 

Wobei, nun versuche ich das Nichts schon wieder zu füllen. Dabei könnte auch das Nichts einen Wert an sich haben. Ich muss es mir einfach zugestehen, ja, vielleicht sogar danach streben. Ich stelle mir vor, das Gott mich nach dem Tod fragt: „Und, was hast du in deinem Leben getan?“ Gibt es da eine bessere Antwort als zu sagen: „Nichts.“?