Yvettes Traum

Leseprobe

 

Kapitel 1

 

 

 

„Sechs Kilo Übergewicht.“

 

Der Mann am Schalter musterte sie mit ernstem Blick.

 

„Sechs Kilo?“, wiederholte Isa. „Oh nein! Aber ich brauche das alles.“

 

Hilflos schaute sie zu Yvette.

 

Yvette trat einen Schritt vor und lächelte den Flughafenangestellten an.

 

„Wissen Sie, meine Tochter fliegt nach Kanada. Für ein ganzes Jahr! Da sind diese sechs Kilo mehr an Gepäck doch bitter nötig.“

 

Seine professionelle Maske bekam Risse. Aber sie hielt noch.

 

„Wissen Sie, ich habe meine Vorschriften …“

 

Nun gut, sie musste nachlegen. Das konnte sie. Andächtig strich sie sich durchs Haar und hob dabei die Brust. Lehnte sich noch ein Stück nach vorne. Achtete auf den rauchigen Ton in ihrer Stimme.

 

„Ach, Sie verstehen das doch sicherlich. Es ist ihr erster Flug! Und dann gleich so weit. Vor lauter Aufregung hat Isabel in den letzten Tagen kaum etwas gegessen. Das gleicht die sechs Kilo doch locker aus.“

 

Isa neben ihr nickte heftig und legte die Hände auf ihren flachen Bauch.

 

Yvette vertiefte ihr Lächeln.

 

Jetzt konnte er nicht mehr anders. Er musste es erwidern.

 

„Also, aber es ist wirklich eine Ausnahme … in Ordnung, gut, das gleicht sich aus, locker …“

 

Er druckte den Gepäckschein und befestigte ihn an Isas Rucksack.

 

„Vielen Dank. Wir sagen es auch keinem weiter.“

 

Yvette nickte ihm zu und nahm ihre Tochter am Arm.

 

„Wenn Sie wollen, ich habe in drei Stunden Feierabend, vielleicht einen Drink an der Bar …“

 

Hörte sie noch, als sie Isa schnell durch das Gedränge schob.

 

„Danke, Mama.“ Isa kicherte. „Wie der geglotzt hat! Bestimmt hätte er sofort einen Direktflug in deinen Ausschnitt gebucht!“ Ja, dorthin flogen sie alle gern. Leider blieben sie dann an der Oberfläche kleben. Aber das war ein anderes Thema. Die Zeit drängte. Yvette sah sich um. 

 

„Dort hinten ist dein Gate. Ich glaube, wir sollten uns beeilen.“

 

Viel zu schnell erreichten sie den Kontrollbereich und das Schild „Zugang nur mit gültigem Ticket“.

 

Isa drehte sich zu ihr um.

 

„Mama, ich hab Angst.“

 

Yvette schloss sie in die Arme.

 

„Brauchst du nicht. Denk daran, du fliegst übers Meer. Es sieht von oben fantastisch aus! Und alles andere – du machst das schon. Es wird wunderbar!“

 

Sie flüsterte die Worte in den dunklen Haarschopf und versuchte zu ignorieren, wie sich ihr Herz dabei zusammenzog. Das letzte Mal ihrer Tochter so nah ...

 

„Auf, geh, das Flugzeug wartet nicht.“

 

Isa schniefte, dann löste sie sich und griff nach ihrem Handgepäck. Ging langsam weiter.

 

Yvette blieb stehen, sah ihr nach. Beobachtete, wie ihre Tochter die kleine Tasche auf das Kontrollband legte, wie ein Sicherheitsbeamter sie abscannte.

 

Isa drehte sich noch einmal um, Tränen in den großen Augen.

 

Yvette winkte ihr aufmunternd zu.

 

Ein junger Mann trat zu Isa, sagte ein paar Worte, sie antwortete. Der junge Mann griff nach ihrem Handgepäck. Anscheinend hatten sie den gleichen Weg. Ein letzter, ängstlicher Blick zurück.

 

Dann war sie weg.

 

 

 

Yvettes Hand sank nach unten. Sie biss sich auf die Lippen. Nun kam sie, die Traurigkeit. Wie eine Flutwelle brach sie über sie herein.

 

Die letzten Tage hatte sie sie mit Macht zurückgedrängt, die Dämme immer höher gebaut.

 

Doch jetzt … jetzt war auch ihr Töchterchen flügge geworden. Flog hinaus in die weite Welt. X-tausend Kilometer.

 

Zu weit, um sie abzuholen, wenn sie schlecht geträumt hatte. Zu weit, um das Blut von ihren Knien zu wischen, wenn sie hinfiel. Zu weit, um bei einem spannenden Film ihre Hand zu halten.

 

Jetzt konnte sie Isa nur noch aus der Ferne begleiten, durch eine Scheibe aus Panzerglas.

 

Doch Isa war kein Kind mehr, sondern eine fröhliche junge Frau. Sie würde ihn finden, den richtigen Weg.

 

Und sie?

 

Sie stand inmitten der drängelnden, hastenden Menschenmenge und fühlte sich allein.

 

So viele Jahre als Mutter. Ein Job rund um die Uhr. Selbst als die Kinder größer wurden. Selbst noch in den letzten Monaten, als die Zwillinge ausgezogen waren und Isa fleißig fürs Abi lernte. Sie hatte sich trotzdem gekümmert, sie versorgt mit leckerem Essen und Erholungspausen. Es war eine gute Zeit gewesen. Mutter und Tochter. Und doch …

 

Wie hatte sie ihn manchmal herbeigesehnt, diesen Moment! Früher natürlich noch stärker. Wenn Marcel und Flo lauthals stritten, wenn sie Isa nochmal Mathe erklären sollte, nochmal und nochmal, wenn sie nachts übermüdet am Schreibtisch saß, um das Geld für die nächste Klassenfahrt irgendwie zusammenkratzen zu können – diesen wunderbaren, einzigartigen Moment, wenn endlich alle groß sein würden!

 

Pass auf, was du wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.

 

Denn jetzt …

 

Jetzt war er da, dieser Moment.

 

Hatte alles Wunderbare, alles Einzigartige eingebüßt.

 

Sie war 49 und stand auf einer Felsklippe. Darunter waberte das Nichts.

 

 

 

Stell dich nicht so an, Yvette!, schimpfte sie sich im Stillen. Es ist nur das Loslassen, das so wehtut!

 

Doch es half nichts. Die Tränen saßen direkt hinter der Stirn. Dort war es zu eng, sie drängten hinaus.

 

Yvette resignierte, gab ihnen den Weg frei, ließ sie fließen über die Wangen, die Nase, schluchzte auf.  

 

 

 

„Darf ich Ihnen ein Taschentuch reichen?“

 

Ein alter Mann mit Tropenhelm grinste zahnlos und hielt ihr ein blau umrandetes Stofftüchlein hin. Ein schwacher Geruch nach Eau de Cologne stieg von ihm auf. Yvette griff dankbar danach, wischte sich die Augen, schnäuzte sich die Nase. Wollte es zurückgeben, zögerte …

 

„Ach, behalten Sie es ruhig. Wenn die Schleusen erstmal geöffnet sind, dann hört das so schnell nicht auf. Ich hab noch mehr davon. Und wissen sie was?“ Er beugte sich nahe zu ihr. „Hochziehen ist eigentlich viel gesünder.“

 

Er kicherte und schlurfte davon.

 

Yvette umklammerte das Tuch. Zog ihren Kummer hoch und machte sich auf den Weg zur U-Bahn.